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Warum Ihr Beuys bisher immer falsch verstanden habt

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„Jeder Mensch ist ein Künstler“ ist eines von Joseph Beuys’ bekanntesten Zitaten. Es wird nur nie richtig verwendet. Was er eigentlich sagen wollte, erfahrt Ihr hier.

Kaum jemand hat Kunsthistoriker zu so verschwurbelten Texten motiviert wie Joseph Beuys (Auch wenn böse Zungen behaupten, Kunsthistoriker seien grundsätzlich nicht in der Lage, klar verständlich zu schreiben). Prof. Dr. Eugen Blume, Leiter des Hamburger Bahnhofs – Museum für Gegenwart, tritt den Beweis an mit dem denkwürdigen Satz:

„Beuys’ mittlerweile als unverstandene Phrase benutzte Formel ‚Jeder Mensch ist ein Künstler’ setzt nach seiner Vorstellung ein Individuum voraus, das in einem initiatischen Erlebnis sich selbst transzendiert, mit anderen Worten sich zur Freiheit verhilft, die ganz im Sinne der Freiheitsidee des französischen Philosophen Henri Bergson aus der ganzen Persönlichkeit hervorgehen muß und die Bergson explizit mit dem Verhältnis zwischen Künstler (als Schöpfer) und seinem Werk vergleicht.“

(Das XX. Jahrhundert. Ein Jahrhundert Kunst in Deutschland, Berlin 1999, S. 181)


Und, als habe er plötzlich Mitleid mit seinen Lesern bekommen, schiebt Blume kurz und prägnant nach:

„Kunst ist für Beuys Freiheitswissenschaft.“


Zunächst hoffe ich, Prof. Dr. Blume verzeiht mir die kleine linguistische Lästerei. Ich habe ihn vor vielen Jahren persönlich und als einen sehr freundlichen Menschen kennengelernt. Deshalb läge mir nichts ferner, als ihn zu ärgern. Mir geht es vor allem um die einleitenden Worte: „Beuys’ mittlerweile als unverstandene Phrase benutzte Formel ‚Jeder Mensch ist ein Künstler’ …“

Die unverstandene Phrase

Ja, wieso unverstanden? Machen wir eine kurze Bestandsaufnahme: Das berühmte Beuys-Zitat fällt immer dann, wenn wir sagen möchten, dass jeder das Potenzial in sich trägt, sich in den schönen Künsten zu entfalten. Denn eigentlich, so der angenehme Gedanke, steckt doch in jedem von uns ein Maler, Bildhauer, Musiker oder Literat. Aber eigentlich wollte Beuys mit „Jeder Mensch ist ein Künstler“ etwas ganz anderes ausdrücken.

Die meisten kennen Joseph Beuys (1921–1986) als ikonische Lichtgestalt der deutschen Nachkriegskunst mit grauem Filzhut. Vor allem seine Rauminstallationen, Multiples und Aktionen haben immer wieder Aufsehen erregt – nicht zuletzt aufgrund der Anekdote rund um die berühmte Badewanne. Doch Beuys war auch politisch aktiv und zählt zu den Gründern der „Grünen“. Er setzte sich umfassend mit dem Werk des Anthroposophen Rudolf Steiner (1861–1925) auseinander und stellte auf dieser Basis kunsttheoretische und sozialphilosophische Thesen auf, mit welchen er in die Gesellschaft hineinwirken wollte.

Beuys' Werk näher beleuchtet …

Beuys‘ Werk näher beleuchtet …

Nicht jeder ist in der Kunst. Aber Kunst ist in allem.

Ebenso wie die Anthroposophen beschäftigte sich Beuys mit Fragen der Spiritualität, Mystik und geistigen Freiheit, kritisierte die Überbetonung des Materiellen. Nach Beuys muss auch die Kunst sich vom Stofflichen – nämlich vom Kunstwerk selbst – lösen. Er fordert daher einen erweiterten Kunstbegriff, nach welchem bereits das Denken, Sprechen und Handeln selbst als Kunst anzusehen ist. Das gesamte Leben und Arbeiten kann kreativ gestaltet und unter dem Aspekt der Kunst betrachtet werden. Und auch die Gesellschaft lässt sich nach Beuys wie eine Plastik formen. Daher prägte er für diese Idee den Begriff „soziale Plastik“. Wer also auf sein Umfeld schöpferischen Einfluss nimmt und sich dort entfaltet, beteiligt sich an der „sozialen Plastik“ und ist somit ein Künstler. Egal, ob er dabei den Pinsel schwingt oder Obst auf dem Wochenmarkt verkauft.

Warum die populäre Deutung des Zitats ein bisschen stimmt

Was bedeutet also „Jeder Mensch ist ein Künstler“? Es besagt nicht, dass alle Menschen sich ermuntert fühlen sollen, in dem Bereich kreativ zu werden, den wir im engeren Sinne als Kunst verstehen; nein, zur Kunst soll erhoben werden, was jeder einzelne von uns in seinem Alltag tut. In letzter Konsequenz bedeutet auch das, dass wir uns von unserem elitären Verständnis von Kunst verabschieden sollen.

Als Beuys eine Professur an der Akademie Düsseldorf inne hatte, sprach er sich dort gegen die Zulassungsbeschränkungen für das Kunststudium aus. Üblicherweise muss der Bewerber seine künstlerische Eignung in einem Aufnahmeprozess unter Beweis stellen. Begabt oder nicht begabt: Eine Jury entscheidet. 1971 nahm Beuys kurzerhand alle abgewiesenen Bewerber auf, woraufhin er bald rund 400 Schüler betreute. 1972 besetzte er mit abgewiesenen Studenden das Sekretariat der Kunstakademie Düsseldorf – woraufhin ihm wegen Hausfriedenbruchs fristlos gekündigt wurde. So war Beuys dafür eingetreten, dass jeder im Bereich der bildenden Künste tätig sein kann – und auch umgekehrten Sinne ein Künstler ist.

Seht Ihr. Wieder was gelernt.

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