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Als die Welt noch heil war

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Alte Schuhkartons entpuppen sich ja oft als Türen zu einem Paralleluniversum. Finden sich doch in ihnen alte Kinotickets, Festivalbändchen oder Liebesbriefe. Und natürlich: Postkarten. Sie könnten eine schöne Erinnerung an früher sein. Hätte sich inzwischen nur nicht so verstörend viel verändert.

Schreibt Ihr Postkarten? Ich gestehe: Ich schon. Dabei ist ein Foto aus den Ferien mit dem kostenlosen WLAN im Hotel in nur wenigen Sekunden hochgeladen. Aber mit den analogen Urlaubsgrüßen ist es eben wie mit Schallplatten oder Büchern – sie besitzen eine Wertigkeit, die eine elektrische Datei nicht so schnell ersetzen kann. Außerdem bekomme ich auch selbst gerne Karten. Hänge sie dann an den Kühlschrank oder so. Denn entweder sie sind hässlich und daher grundsätzlich Kult. Oder umgekehrt, von einer fast schon unwirklichen Ästhetik, der ich mich (bei aller 08/15-Durchschnitts-Coolness) nicht entziehen kann. Jede Menge solcher analogen Grüße habe ich über die Jahre gesammelt. Und sogar welche, die meine Eltern erhalten haben, als sie selbst noch jung waren.

Schuhkarton, öffne dich!

Als Kind steckte für mich hinter jeder Karte eine aufregende Geschichte, ein neues Abenteuer. Absender waren meist Verwandte X-ten Grades, die Motive teils schwarz-weiß, teils technicolor-bunt. Damals versteckte ich die Karten in Schuhkartons wie einen großen Schatz, neben Glitzeraufklebern, Duftradiergummis und Comic-Strips aus Bazooka Joe Kaugummipackungen. Die Aufkleber und Radiergummis verschwanden, die Karten blieben – zwei Städte, fünf Bezirke und ebenso viele Umzüge lang. Und es kamen weitere hinzu: von Kommilitonen, mit denen ich nur ein Semester lang studierte. Von Freundinnen, die wegzogen und sich irgendwann nicht mehr meldeten. Von Exfreunden, die nach nur wenigen Wochen Schluss machten. Einiges davon habe ich behalten. Vielleicht, weil eine Postkarte vergänglichen Momenten Beständigkeit schenkt. Augenblicke einer heilen Welt lassen sich auf einmal anfassen und festhalten – und ab und zu in einem Schuhkarton sammeln.

Das E-Mail-Zeitalter beraubt kommende Generationen um ein wichtiges, historisches Artefakt: den Teenager-Brief

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Geister der Vergangenheit
Im letzten Sommer warf ich mal wieder einen Blick in meine Sammlung, wühlte mich durch die Erinnerungen – und stutzte. Denn gleich unter der Karte vom Usedomer Strand sah ich etwas, auf das ich nicht gefasst war: die New Yorker Skyline mit dem World Trade Center – einem Gebäude, das es seit langem nicht mehr gab. Ich nahm die Postkarte in die Hand. Durch die Miami-Vice-Ästhetik auf der Vorderseite und das launige Gefrotzel meiner besten Freundin auf der Rückseite hatte der Anblick fast etwas Obszönes. Ratlos legte ich die Karte zurück. Nur, um wenige Sekunden später das gleiche unbehagliche Gefühl noch einmal zu erleben: diesmal beim Anblick der Brücke Stari Most in Mostar. Das Bauwerk war während der Jugoslawien-Kriege gesprengt und später wieder aufgebaut worden. Doch das Original von dem Kartenmotiv gab es nicht mehr. Aber damit nicht genug. Ich hatte fröhliche Urlaubsgrüße aus Palmyra, Damaskus und Hama – Gespenster aus einer längst vergangenen, verlorenen und vor allem glücklicheren Welt.

Kollektives Narbengewebe
Schlösser, Tempel, Pyramiden, Kirchen und andere prachtvolle Gebäude – sollten sie nicht eigentlich Sinnbilder für die Ewigkeit sein? Sind ihre Mauern nicht unbezwingbar, unzerstörbar? Der Mensch ist dagegen winzig und fragil. Umso erschreckender, wie gesichtslose Kämpfer die jahrhundertealten Manifeste der Unvergänglichkeit in wenigen Sekunden zu Staub zerfallen lassen. Die Bilder der Verwüstung kriechen durch die Fernseher und Computermonitore in Wohnzimmer auf der ganzen Welt. Wir alle kennen die Geschichten dahinter, die Konflikte, das Leid. Was zurückbleibt, sind Schneisen der Verwüstung, Trümmer, kollektives Narbengewebe. Und wo könnte der Anblick eines dieser zerstörten Bauwerke verstörender sein als auf einer Postkarte, dem Symbol glücklicher Zeiten in einer heilen Welt? Was bleibt, ist ein modernes Vanitas-Stillleben auf Pappe, ein „Memento Mori“ – die Erkenntnis der eigenen Vergänglichkeit.

Das Bauwerk, das überlebte: Der Flughafen Tegel in Berlin

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Last Man Standing
Vor ein paar Tagen werfe ich erneut einen Blick in den Kartenstapel. Ganz oben liegt eine Karte mit dem Eiffelturm darauf. Immerhin: Er steht noch, der alte Grantler. Er ragt aus der Stadtansicht von Paris hervor wie ein gigantischer Stinkefinger, als wollte er sagen: „Mich werdet ihr so schnell nicht los!“ Recht hat er. Ein anderes Bauwerk hatte weniger Durchhaltevermögen. Ich finde es ganz unten am Boden des Schuhkartons. Und darauf steht: „Viele Grüße aus Berlin!“ Ob es mich traurig macht, noch so ein zerstörtes Mahnmal zu sehen? Nicht wirklich. Im Gegenteil – ich kann mir ein Grinsen nicht verkneifen: Es ist die Mauer. Nee, denke ich. Um Dich tut’s mir nicht leid. Manchmal trifft es eben einfach die Richtigen.

Bildbearbeitung Anno 1985

Bildbearbeitung Anno 1985

 

 

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